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Aus der FTD vom 19.5.2004
Jäger der verborgenen Einfälle
Von Martin Broska

Die Gedanken sind frei, sicherlich. Aber man kann Gedanken auch einfangen. Wenn es nützt. Im Arbeitsleben jedenfalls nützt es allen - das ist der Kern des Ideenmanagements.

Ideen sind die Grundlage jeglichen Fortschritts. Große Ideen ergeben häufig Innovationen, während unzählige kleine Ideen zu Verbesserungen im täglichen Leben führen können. Für Unternehmen sind eine ständige Weiterentwicklung und eine schnelle Anpassungsfähigkeit überlebenswichtig. Ihnen bleiben nur zwei Hebel, um dem Wettbewerbsdruck zu widerstehen: billiger oder besser sein als die Konkurrenz.

Bei beidem können die Mitarbeiter helfen. "Der Unternehmenschef, der keinen Gebrauch von den vorhandenen Ideen macht, vergeudet Intelligenz. Wenn er die Ideen seiner Mitarbeiter nicht schätzt, wenn er nicht dafür sorgt, dass sie wirklich umgesetzt werden, dann vergeudet er ganz einfach auch einen Haufen Geld", sagt Arno Wiedenroth, Direktor des Rüsselsheimer Opel-Werks, im Buch "Innovations-Power" von Isaac Getz und Alan G. Robinson.

Noch zählt Wiedenroth zu einer Minderheit: Die meisten Führungskräfte interessieren sich nicht für die Kreativität und den Einfallsreichtum ihrer Mitarbeiter. Dabei haben Getz und Robinson, Management-Professoren in Paris beziehungsweise in Massachusetts, in einer Studie bei 50 europäischen Top-Unternehmen belegt, dass sich 80 Prozent der Verbesserungs-Ideen spontan ergeben. Lediglich 20 Prozent entstehen durch von oben aufgepfropftes, geplantes Vorgehen, wie Business Process Reengineering oder Six Sigma.

Früher hieß diese Suche nach Ideen "Betriebliches Vorschlagswesen", oder "Kontinuierlicher Verbesserungsprozess". Heute nennen es Getz und Robinson griffig "Innovations-Power". Nicht nur die Begriffe haben sich geändert, sondern auch die Inhalte. Um Erfolg zu haben, reicht es nicht, hehre Ziele zu verkünden und in umständlich formulierte Vereinbarungen zu verpacken. Ideen werden nur dort publik, wo sie auch gewollt sind: In Unternehmen, die offen sind für Anregungen - egal, von wem sie kommen. Besonders die Führungskräfte müssen deshalb ihren Mitarbeitern klar machen, dass es bei Geistesblitzen nicht auf die internen Hierarchien ankommt.In einem idealen System von Ideenmanagement werden vier von fünf sinnvollen Vorschlägen innerhalb weniger Tage unbürokratisch und möglichst durch die Ideengeber selbst umgesetzt, schreiben Getz und Robinson. Entscheidend dabei ist, dass die Ideengeber auch den Ruhm bekommen, der ihnen zusteht.

Schließlich profitiert auch das Management von den kreativen Köpfen im Unternehmen: Einsparungen durch Verbesserungen von über 4000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr sind möglich. Die Deutsche Post World Net konnte 2003 Einsparungen von fast 26.000 Euro pro Mitarbeiter realisieren. Nebenbei werden auch die Mitarbeiter zufriedener. Und das beeinflusst zwangsläufig auch die Kundenbindung positiv.

Aufgeschlossene Führungskräfte haben begriffen, dass niemand so viel sieht, hört, weiß, kann und niemand so klug ist wie alle zusammen. Ihre Managementaufgabe besteht darin, an diese Ideen heranzukommen und sie gezielt zu nutzen. Ebenso wie Arbeitsabläufe möglichst gut geplant und kontrolliert werden müssen, ist es auch wichtig, Verbesserungen systematisch zu managen. Hartmut Neckel stellt daher "Modelle des Ideenmanagements" vor.

Der Unternehmensberater greift auf seine Praxis-Erfahrungen aus Kooperationen von mittelständischen Unternehmen bei der Einführung eines Ideenmanagements zurück.

Neckel ist sich mit Getz und Robinson einig, dass Management und Erfolgskontrolle messbare Kennzahlen erfordern. Wichtige Daten sind zum Beispiel die Anzahl der Vorschläge pro Mitarbeiter, die Beteiligungsquote, der Realisierungsgrad und die Einsparung pro Mitarbeiter. Dadurch lässt sich zum einen die Mitarbeiter-Kreativität nachweisen, zum anderen lässt sich die Leistung der Führungskräfte einordnen. Es zeigt sich, in welchem Umfang sie mit ihrem Engagement Ideen stimulieren und deren Umsetzung erleichtern. Darüber hinaus können Abteilungen und andere Unternehmen miteinander verglichen werden.

Auch "Innovations-Power" von Getz/Robinson enthält Anleitungen und Checklisten, die es dem Praktiker erlauben, selbst einzuschätzen, wo seine Organisation oder sein Unternehmen in Sachen Ideenmanagement steht. Diese strukturierte Art des Ideenmanagements hilft nicht nur, neue Modelle einzuführen, sondern auch, vorhandene Systeme zu verbessern. Wem das jedoch noch nicht reicht und wer auch die Balanced Scorecard benutzen möchte: Karola Läge hat zum Thema Ideen-Conrolling unter dem Titel "Ideenmanagement" eine hochgradig nutzwertige Dissertation verfasst.


Suchhilfen

Innovations-Power Isaac Getz, Alan G. Robinson, Hanser 2003, 219 S., 24,90 Euro

Modelle des Ideenmanagements , Hartmut Neckel, Klett-Cotta 2004, 387 S., 32 Euro

Ideenmanagement , Karola Läge, Deutscher Universitätsverlag 2003, 232 S., 49,90 Euro

© 2004 Financial Times Deutschland 

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