changeX Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft
StartseiteArbeit und LebenWissen und LernenWirtschaft und ManagementPartnerforum
 
 
Suchen
Newsletter
Archiv

 

Artikel per E-Mail versenden
PDF-Version für Adobe Acrobat Reader im Zeitschriftenlayout herunterladen
Druckansicht des Artikels oeffnen

Auf Schatzsuche

Ideen von unten helfen Unternehmen nach oben - ein Gespräch mit Hartmut Neckel.

Von Anja Dilk

Mitarbeiter sind besser motiviert, wenn ihre Ideen im Firmenalltag berücksichtigt und umgesetzt werden. Wie aber hebt man diesen Schatz an kleinen, spontanen Einfällen? Indem Mitarbeiter beispielsweise erzählen, worüber sie sich normalerweise ärgern. Gutes Ideenmanagement, sagt ein Berater, ist Basisarbeit. Dort schlummert mehr unternehmerische Kompetenz als in der Chefetage angenommen. Das Problem: Ideen von unten nagen am Selbstverständnis von Führungskräften, die sich selbst als die eigentlichen Ideenhüter betrachten. Was also tun? Ein herrschaftsfreies Ideenmanagement einführen, bei dem alle mitmachen dürfen.

Hartmut NeckelDer Physiker Hartmut Neckel arbeitet seit elf Jahren als Berater bei "Scientific Consulting Dr. Schulte-Hillen", einer Unternehmensberatung, die sich mit Info- und Innovationsmanagement beschäftigt und Projekte zur Innovationsförderung durchführt.

Herr Neckel, über Innovation wird derzeit viel geredet in Deutschland. Autoren wie der Ex-SPD-Wahlkampfchef Matthias Machnig beschwören eine Innovationskultur, damit das Land nicht weiter an Anschluss verliert. Hapert es in unserer Wirtschaft an einer Ideenkultur?
In manchen Unternehmen wird Ideenkultur in der Tat nicht gerade groß geschrieben. Es fehlt nicht an Ideen, aber an dem Bewusstsein, dass dieser Bereich ein genauso strategisches Feld ist wie Kostenmanagement oder Controlling. Dabei ist Innovationsfähigkeit für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens ebenso wichtig wie Kosten- und Qualitätsbewusstsein. Nur merkt man das erst später, wenn es an den Ideen hakt. Wenn zu viel Geld ausgegeben wird, stimmen die Zahlen des Unternehmens nicht, schludert man bei der Qualität, beschweren sich die Kunden. Wenn die Ideen versanden, läuft es ein bis zwei Jahre irgendwie weiter. Erst dann kommt die Quittung.

Was unterscheidet Ideen von Innovationen?
Bei Innovationen geht es um größere Entwicklungsschritte, um neue Produkte und Dienstleistungen, die am Markt eingeführt werden. Ideen sind spontane, intuitive Einfälle, die sich zu Innovationen verdichten. Kleine Verbesserungen im Arbeitsalltag, in der Produktion, im Sicherheitssystem. Der Vorschlag, eine hellere Lampe am Arbeitsplatz einzurichten, ist das kleinste, was mir je untergekommen ist. Es fängt bei solchen Trivialitäten an. Dahinter steht ein größeres Problem. Denn in vielen Firmen kommt ein Mitarbeiter nicht einfach an hellere Glühbirnen ran. Er kann nicht einfach ins Lager gehen und sich bedienen. Wenn er das seinem Vorgesetzen meldet, fällt es schnell unter den Tisch, weil es scheinbar Wichtigeres gibt.
Deshalb ist es wichtig, solche Ideen sinnvoll zu sortieren und zu managen. Auch kleine Ideen können für ein Unternehmen enorm wichtig sein. In einem unserer Partnerunternehmen kam ein Gabelstaplerfahrer mal auf die Idee, die Kisten im Regal anders hinzustellen. So konnte er sie viel schneller aufladen. Pro Lagerzugriff hat das eine halbe Minute gespart. Bei einem Unternehmen, das pro Tag mehr als tausend solcher Zugriffe macht, ist das eine ungeheure Kostenreduzierung. Solche Ideen landen normalerweise gar nicht in den höheren Hierarchieebenen. Wenn überhaupt etwas nach oben durchdringt, ist es x-mal gefiltert. An die Rohinformationen kommen die Manager gar nicht ran. Deshalb ist eine Kultur wichtig, die Mitarbeiter ermuntert, offen zu legen, was sie alles wissen.

Vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen mangelt es Ihrer Einschätzung nach an einem systematischen Ideenmanagement. Woran liegt das?
Zum einen sind Mittelständler überzeugt, dass sie eine gute Kommunikationskultur haben. Kurze Wege, übersichtliche Strukturen. Doch in der Realität ist das oft ein Trugschluss. Zum anderen fehlt den kleineren Unternehmen oft die zeitliche Kapazität, sich mit Ideenmanagement zu befassen. Zumindest haben sie meist nicht den Spielraum, um etwa eine Person abzustellen, die sich damit beschäftigt. Also macht es - wenn überhaupt - jemand umsonst nebenher und dann scheitert es auf Dauer.

Und doch gelten Mittelständler als sehr innovationsfähig. Eine Schimäre?
Nein, denn Mittelständler haben meist intensive Kundenkontakte. Von diesen Kunden bekommen sie Impulse zur Veränderung. Freilich geht es dabei in der Regel um Innovationen, eben nicht um Ideen. Da liegt häufig verschenktes Potential brach.

Große Unternehmen haben Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Machen die nicht auch Ideenmanagement?
Nein, sie beschäftigen sich mit Innovationen, also den größeren, strategischen Entwicklungsschritten. Dazu wird methodisch-systematisch geforscht. Mit dem Management der kleineren Ideen hat das nichts zu tun.

Wie packe ich effizientes Ideenmanagement in meinem Unternehmen an?
Ideenmanagement ist Basisarbeit. Ich muss bei jedem einzelnen Mitarbeiter ansetzen. Vorraussetzung: Die obersten Führungskräfte im Unternehmen müssen es wollen, vom Vorstand bis zum Geschäftsführer. Nur durch das Vorbild von oben hat Ideenmanagement den nötigen Rückhalt. Die Topmanager müssen sich überlegen: Was möchten wir mit Ideenmanagement erreichen? Welche Ziele verfolgen wir? Welche Ideen erwarten wir? Mit welchem Führungskreis müssen wir uns zusammensetzen, um das Ideenmanagement in Gang zu setzen? Ich setze mir also beispielsweise als Ziel, dass ich durchschnittlich einen Vorschlag pro Mitarbeiter im Jahr haben möchte. Pro Mitarbeiter soll mir das eine Ersparnis von 300 bis 500 Euro bringen.

Entsteht da nicht ein großer Druck auf die Mitarbeiter?
Das wäre fatal. Ideenmanagement darf nicht zum Druckinstrument werden, sondern muss ein strategisches Ziel sein. Die Zielvorgaben haben auch nur einen statistischen Mittelwert vor Augen. Manche Mitarbeiter werden keinen Vorschlag machen, andere viele. Damit die Mitarbeiter wissen, was von ihnen erwartet wird, sollte das Management Beispiele nennen, um welche Art von Ideen es geht. Ideen zur Materialeinsparung oder zur Vereinfachung von Arbeitsabläufen beispielsweise. Gut ist es, konkrete Beispiele vorzustellen, die nicht abschrecken. Die Mitarbeiter dürfen nicht das Gefühl haben, auf solche tolle Ideen würden sie niemals kommen. Das Management könnte etwa sagen: "Sagt uns, worüber ihr Euch normalerweise ärgert." Dann kommen sicher gute Ideen.

Kleine Verbesserungen an der eigenen Arbeitsorganisation sind ohnehin Teil des Jobs. Wie unterscheide ich, ob der Vorschlag zu den Anforderungen meines Arbeitsalltags gehört oder ob es sich tatsächlich um eine Idee handelt, die über das Normalmaß hinausgeht?
Wir haben ein Kriterienraster entwickelt, das die Einordnung erleichtert. Dazu gehört: Kann der Mitarbeiter selbst entscheiden, ob sein Vorschlag umgesetzt wird? Dann gehört es zum Job. Kann er darauf überhaupt keinen Einfluss nehmen? Dann ist es eindeutig eine Extraidee. Dazwischen gibt es viele Abstufungen. Wenn der Mitarbeiter ausdrücklich den Auftrag hatte, etwas Neues zu entwickeln, gehört das Ergebnis natürlich zum normalen Job.

Dem Unternehmen können die Ideen Profit bringen. Was haben die Mitarbeiter davon?
Bei einem effizienten Ideenmanagement bekommen die Mitarbeiter Anerkennung für gute Ideen. Wie das funktioniert, ist eine Frage der Anerkennungskultur eines Unternehmens. Das Betriebsverfassungsgesetz in Deutschland schreibt vor, dass Arbeitnehmer für Ideen, die den Profit des Unternehmens wesentlich steigern, eine extra Vergütung bekommen. Natürlich muss man dabei zwischen kleinen und großen Ideen unterscheiden. Längst ist bekannt: Zehn Prozent der Ideen in Unternehmen bringen 90 Prozent der gesamten Einsparungen. Dennoch: Kleinvieh macht auch Mist. Außerdem ist fraglich, ob man die 10 Prozent ohne die 90 Prozent tatsächlich erhalten würde. Die 90 Prozent sind wie der Sockel eines Hauses.
Für die Anerkennung gibt es verschiedenen Systeme. Manche Unternehmen setzen auf das Lob des Chefs, andere entwickeln Punktsysteme mit Prämien. Der Gabelstaplerfahrer, der die kostengünstige Stapelung anregte, bekam beispielsweise zehn Prozent Erfolgsbeteiligung für das erste Jahr. Bei Ideen, deren Effekt nicht messbar ist, kann die Prämie zwischen zehn und 500 Euro betragen. Prämien sind zwar schön, aber der Vergleich verschiedener Unternehmen zeigt, dass es mit Prämien alleine, ohne eine ideelle Anerkennung, nicht geht. Die Umsetzung ist die beste Anerkennung. Ein Mitarbeiter, der sieht, dass die eigenen Ideen in Unternehmenspolitik münden, ist motiviert. Und es ist viel besser, wenn die Leute Ideen entwickeln, um etwas zu bewirken, nicht um Prämien zu bekommen. Hauptsache natürlich, ein Management regelt die Anerkennung fair. Das wird sich in der Motivation der Mitarbeiter niederschlagen.

Ideen in Unternehmen zu entwickeln und umzusetzen bedeutet immer auch Veränderung. Wo lauern die größten Widerstände gegen einen Wandel?
Zum einen sind viele Chefs skeptisch. Anstöße von unten bedrohen die Position der Führungskräfte vor allem auf mittlerer Ebene. Schließlich sind sie selbst nicht auf die Ideen gekommen. Deshalb muss die Topebene deutlich machen: Die Vorschlagskultur gehört zu den Führungsaufgaben. Von einem Manager wird erwartet, dass er das Gesamtpotential an Kreativität in seiner Gruppe motiviert.
Zum anderen hakt es in kleinen und mittleren Unternehmen oft an der Organisation. Weil der Zeitrahmen dicht gesteckt ist, haben auch Firmen, die ein systematisches Ideenmanagement einführen wollen, häufig ein Umsetzungsproblem. Die Prioritäten der alltäglichen Arbeit liegen woanders. Sinnvoll ist es, einen Umsetzungskoordinator zu bestimmen, der als Schnittstelle zum Ideenmanager im Team dafür sorgt, dass Veränderungen tatsächlich umgesetzt werden.

Wo kann im Ideenfindungsprozess etwas schief laufen?
Jede Idee muss zur Kenntnis genommen werden. Sie eröffnet zusätzliche Handlungsoptionen für Unternehmen. Es muss entschieden werden, welche Ideen umgesetzt werden und welche nicht. Dabei können genauso Fehlentscheidungen unterlaufen wie in anderen Fragen auch. Wenn das Management die Idee eines Mitarbeiters ablehnt, muss dies gut begründet werden. Ein Formblatt reicht nicht. Der Verantwortliche muss persönlich für die Ablehnung einstehen und mit dem Mitarbeiter sprechen.
Hier wird das Ideenmanagement zum Kommunikationsinstrument. Wenn beispielsweise der Mitarbeiter einen Vorschlag gemacht hat, der nicht funktionieren kann, weil er bestimmte Zusammenhänge im Unternehmen nicht verstanden hat. Erfolgreiches Ideenmanagement ist folglich ein langer Prozess.

Anja Dilk ist Redakteurin bei changeX.

http://www.buevw.de/
http://www.zusim.de/
http://www.scientificconsulting.de/

artmut Neckel:
Modelle des Ideenmanagements.
Intuition und Kreativität unternehmerisch nutzen,

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2004,
387 Seiten, 32 Euro,
ISBN 3-608-93751-X
http://www.klett-cotta.de/

© changeX [26.05.2004] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Online-Buchbestellung via changeX
Zum Bestellen des Buches bitte auf das Cover klicken
Online bestellen
Warenkorb anschauen

Die Auslieferung erfolgt über die A.Stein'sche Buchhandlung in Werl.