unternehmermagazin im Juli/August 2003

 

Kooperation im Wettbewerb

Mehrfachnutzen aus Ideen von Mitarbeitern 

 

Friedr. Lohmann GmbH: Herstellung von Guss-Stahl
 

Das Leitbild der Friedr. Lohmann GmbH, eines sehr alt eingesessenen Produzenten von Spezial- und Edelstahl in Witten, lautet: Bewährtes ständig verbessern! Die konsequente Umsetzung der Maxime im Betriebsalltag half und hilft dem 1790 gegründeten Unternehmen dabei, Krisen zu meistern.

Tradition und Innovation werden oft als Gegensätze aufgefaßt. Dabei wird übersehen, dass der Mensch ein „Gewohnheitstier“ ist. Das gilt auch, wenn es darum geht, kreative Ideen und innovative Problemlösungen in die Arbeit einzubringen. Der gängige Begriff des „kontinuierlichen Verbesserungsprozesses“ drückt das Paradoxon unmittelbar aus: Einerseits geht es um Verbesserungen, um Neuerungen und Veränderungen, wobei auch das Verbesserungswesen selbst immer wieder zum Gegenstand der Überprüfung und Weiterentwicklung werden muss. Andererseits geht es um Kontinuität, um eine gute Tradition des Verbesserns, die ebenso wie starkes Kosten- und Qualitätsbewusstsein Teil der Unternehmenskultur werden soll.

Lohmann • Stahlbramme
 

Bei dem in sechster und siebter Generation geführten Familienunternehmen für Spezial- & Edelstähle besteht die Herausforderung, auf Bewährtem und Bewahrenswertem aufzubauen, in mehrerer Hinsicht:
Da ist zum Beispiel die lange Unternehmensgeschichte als eines der ältesten deutschen Stahlunternehmen überhaupt. Dieses Erbe erfährt eine besondere Wertschätzung im Rahmen eines einzigartigen Firmenmuseums in historischen Gebäudetrakten, während zugleich auf dem benachbarten Firmengelände ein High-Tech-Maschinenpark für die moderne Fertigung mit hohen Qualitätsanforderungen eingerichtet wurde.

Dr. Hartmut Neckel
SCIENTIFIC CONSULTING Dr. Schulte-Hillen GmbH, Köln
 

Ein anderes Beispiel betrifft die große Bedeutung, die Umweltschutz für Lohmann hat. In der Nähe eines Freizeitgebietes und direkt an der Ruhr gelegen, ist das Bewahren einer intakten Umwelt nicht nur Teil des moralischen Selbstverständnisses, sondern quasi existenzielle Notwendigkeit. In diesem Zusammenhang wurde früh ein zertifiziertes Umweltmanagementsystem eingeführt und ein betriebseigenes Wasserkraftwerk zur Stromerzeugung aufgerüstet.
Nicht zuletzt ist das Unternehmen eng mit der Region und dem sozialen Umfeld verbunden. Vielfach waren bereits Vorfahren heutiger Mitarbeiter bei Lohmann tätig. Die Unternehmerfamilie hat die Wirtschaftsgeschichte Wittens wesentlich mitgeprägt. Die soziale Vernetzung wird durch Unterstützung kommunaler Vereine oder des PV-Triathlon Witten gepflegt, aber ebenso durch betriebsübergreifende Kooperationen mit anderen Betrieben.

Wie schafft man bei soviel Bewährtem und Bewahrenswertem Raum für Neues? Wie verbindet man eine traditionsreiche Firmenkultur mit einer innovativen Kultur des ständigen Verbesserns und Veränderns?

Günter Lohmann-Hütte, der die Geschäfte bei Lohmann gemeinsam mit Friedrich Lohmann-Voß leitet, hält den intensiven Dialog mit den Kunden und mit den Mitarbeitern für wesentliche Faktoren: „Wir sind es gewohnt, nach sich schnell ändernden Spezifikationen und Vorgaben unserer Kunden zu fertigen. Viele Investitionen wurden im Vorgriff oder als Antwort auf geänderte Wünsche und Bedürfnisse des Marktes angestoßen.“

Oberlicht der Eingangstür des Verwaltungsgebäudes
 

Das Engagement der Mitarbeiter wird vor allem genutzt, um das Unternehmen durch Verbesserungen in kleinen Schritten voranzubringen. Dazu wurde bereits 1971 ein betriebliches Vorschlagswesen eingeführt. Seit 1999 finden regelmäßig KVP-Workshops statt, die von zu Moderatoren ausgebildeten Mitarbeitern geleitet werden. 2001 und 2002 wurde das Ideenmanagement grundlegend reformiert. Dazu schloss sich Lohmann einer Kooperation mit sieben anderen Unternehmen an, die in einem regelmäßigen Erfahrungsaustausch der Geschäftsführer und in betriebsübergreifenden Führungskräftetrainings ein „mit- und voneinander Lernen“ praktizierten. Diese Zusammenarbeit wird mit Unterstützung des Kölner Beratungsunternehmen Scientific Consulting GmbH auch künftig fortgesetzt.

Für Günther Lohmann-Hütte sind diese „Lerneffekte“ besonders wichtig: „Es reicht nicht, das Vorschlagswesen nur zu installieren und dann zu hoffen, dass es von alleine läuft. Es muss im Rahmen des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses mit der Arbeitssicherheit und dem Umweltschutz integriert werden. Von ebenso großer Bedeutung ist es, in der Folge immer wieder Nachhaltigkeit zu erzeugen – durch ein ständiges Controlling, Benchmarking und durch die Aufrechterhaltung der Motivation der Mitarbeiter. Ohne externe Partner können wir das eigentlich gar nicht gewährleisten.“

Ein zweiter Lerneffekt betrifft die Bedeutung von Betriebsvereinbarungen oder Richtlinien zum Vorschlagswesen. Viele Unternehmen halten die „richtige“ Gestaltung der Betriebsvereinbarung für die Hauptsache bei der Einführung oder Optimierung ihres Ideenmanagements. Die Regeln sollen möglichst „wasserdicht“ sein, alle Sonderfälle berücksichtigen und im Sinne deutscher Wertarbeit für die Ewigkeit gültig sein können. „Hier konnten wir aus eigener Erfahrung und im Austausch mit unseren Kooperationspartnern viel lernen“, berichtet Friedrich Lohmann-Voß, der auch für das Ideenmanagement verantwortlich ist. Er empfiehlt, lieber vorläufige Regelungen zu vereinbaren und vor allem Wert darauf zu legen, das Verbesserungswesen schnell mit Leben zu füllen. „Die Abläufe und Strukturen müssen natürlich transparent und verbindlich geregelt sein. Doch ohne Umsetzung im Betriebsalltag nützen alle Regeln nichts.“

Günter Lohmann-Hütte • Friedr. Lohmann-Voß
 

Auch im Ideenmanagement ist der Betriebsalltag bei der Friedr. Lohmann GmbH durch moderne Technik gekennzeichnet. Alle Mitarbeiter können ihre Vorschläge vor Ort per Intranet in eine Ideen-Software einspeisen und sich dort über den aktuellen Stand von Verbesserungsaktivitäten informieren. Das Instrument findet bei der Belegschaft große Resonanz, nur wenige Mitarbeiter nehmen bei der Eingabe lieber die Hilfe ihrer Vorgesetzten in Anspruch. Dank der Software werden die Prozessverantwortlichen für die Bewertung, Entscheidung und Umsetzung von Mitarbeiterideen automatisch benachrichtigt, gegebenenfalls Stellungnahmen von weiteren Stellen angefordert und regelmäßig Reports zu wichtigen Kennzahlen erstellt. So ist man dem „papierlosen“ Ideenmanagement beträchtlich näher gekommen.

Während das Vorschlagswesen insbesondere als „Auffangbecken“ für spontane Ideen einzelner Mitarbeiter dient, die sonst in der Betriebshektik untergehen würden, werden viele Verbesserungen auch in gezielten Gruppenaktivitäten erarbeitet. So finden etwa alle sechs Wochen zweistündige KVP-Workshops statt. Gehen die dort generierten Ideen über die normale Arbeitsaufgabe der Teilnehmer hinaus, werden sie prämiert wie andere Vorschläge auch.

Friedr. Lohmann GmbH, Witten
Werk für Spezial- und Edelstähle

Branche: Metallerzeugung und -verarb.
Produkte: Warmgewalzte und geschmiedete Schnellarbeits-, Werkzeug- und Spezialstähle. Hochverschleißfeste- und hitzebeständige Gußteile. Verbundkonstruktionen.
Mitarbeiter 2002: 300 (10 Azubis)
Jahresumsatz 2002: 44 Mio. EUR
Internet: www.lohmann-stahl.de

Aus Sicht der beiden Geschäftsführer tragen diese Aktivitäten nachhaltig zum Geschäftsergebnis bei, fördern die Mitarbeitermotivation und räumen den Mitarbeitern Gestaltungsmöglichkeiten ein. Seit Beginn der Kooperation im Ideenmanagement haben sich die eingereichten Vorschläge mehr als verfünffacht.

Ein besonders guter Vorschlag betraf hydraulische Stoßdämpfer, die durch aufschlagende Bleche ständig kaputt gingen. Das verursachte nicht nur Kosten für die Reparatur, sondern auch Ausfallzeiten an der Anlage – bis ein Mitarbeiter die Idee hatte, die hydraulischen Stoßdämpfer durch mechanische Stoßdämpfer mit Federn zu ersetzten. Die kosten weniger und halten wesentlich länger. Der jährliche Nutzen für das Unternehmen beträgt rund 6.700 Euro. Insgesamt summierten sich die Einsparungen im Jahr 2002 auf knapp 90.000 Euro. Für das laufende Jahr wird die doppelte Summe angestrebt. Die Zeichen stehen gut, dass dieses Ziel auch erreicht wird.

Web-Adressen von Anbietern von Ideen-Software

www.aagen.de
www.egip.com
www.hlp.de
www.ibykus.com
www.ideavalue.com
www.imconet.de
www.koblank.de
www.p-manent.de
www.scsforum.de
www.smartidee.de
www.target-soft.com