BVW Ideenmanagement im Januar 2003

 

Von statistischen Vergleichen zum Benchmarking
 

„Trau keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“ heißt es nicht ohne Grund. Dennoch bietet die dib-Statistik bei allen Unbestimmtheiten und Mehrdeutigkeiten der Begriffe für abgefragten Parameter einen einzigartigen Datenpool für den Stand der Praxis in den Unternehmen. Das Vorhandensein bzw. Nicht-Vorhandensein von Korrelationen zwischen verschiedenen Parametern liefert interessante Hinweise für praxisbezogene Konsequenzen im Ideenmanagement.

Ideen bringen Geld – bringen mehr Ideen mehr Geld?

Eine der Vorannahmen des Ideenmanagements besteht darin, daß es gut ist, wenn viele Vorschläge eingereicht werden. Positive Auswirkungen einer höheren Anzahl von Vorschlägen werden in einem Beitrag zur Verbesserung/Intensivierung der Kommunikation sowie in einem insgesamt größeren (finanziellen) Nutzen gesehen. Ein vermuteter Kausalzusammenhang für die Auswirkung auf den Nutzen wird häufig so formuliert, daß man eben mehr „Sand sieben müsse, um die Chancen auf große Nuggets“ zu steigern. Weiter würde die bei größeren Vorschlagszahlen zunehmende Übung dazu führen, daß nach anfänglichen „schöner Wohnen“ Vorschlägen immer mehr werthaltige Ideen entstehen. Dem wird häufig entgegengesetzt, daß bei größerer „Masse“ die „Klasse“ automatisch sinken müsse – irgendwann seien die richtig „guten“ Ansätze eben verbraucht.

Was zeigt nun die Praxis tatsächlich? In Bild 1 sind die Erfahrungswerte der Firmen dargestellt, die bis 200 Vorschläge pro 100 Mitarbeiter und rechenbare Einsparungen bis zu 1.000 Euro pro Mitarbeiter verzeichnen. Das sind etwa 90 % der an der dib-Statistik beteiligten Unternehmen.

Erstens wird deutlich, daß es eine ganze Reihe von Unternehmen gibt, die auch bei kleinen Vorschlagszahlen große Einsparungen erzielen. Zweitens wird aber auch deutlich, daß der relative Anteil derjenigen Unternehmen, die bei großen Vorschlagszahlen auch hohe Einsparungen erzielen, größer ist, als der relative Anteil von Unternehmen, der das bei kleinen Vorschlagszahlen schafft. Mathematisch ausgedrückt: (Anzahl I : Anzahl II) > (Anzahl III : Anzahl IV). Die Chance auf höhere Einsparungen scheint also mit größeren Vorschlagszahlen tatsächlich zu steigen. Ob sie dann auch realisiert wird, dürfte jedoch noch von einer Reihe weiterer, vielleicht sogar noch wichtigerer Bedingungen abhängen.

Die analoge Betrachtung für die Einsparungen pro Vorschlag zeigt in Bild 2 hingegen, daß die Einsparung pro Vorschlag tatsächlich mit der Anzahl der Vorschläge tendenziell eher abnimmt. Durch die größere Anzahl von Vorschlägen wird dieser Effekt aber wieder ausgeglichen.

Insgesamt ist es also sinnvoll, eine hohe Anzahl von Vorschlägen anzustreben: Mehr Ideen bringen mehr Geld. Schließlich wird auch nur auf diesem Weg eine kontinuierliche Verbesserung zum Unternehmensalltag, statt eine seltene Ausnahme zu bleiben.


Mitarbeiter haben Ideen – haben mehr Mitarbeiter mehr Ideen?

Wie können nun Unternehmen die Anzahl der Ideen steigern? Bild 3 macht deutlich, daß ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Beteiligungsquote und der Anzahl der Vorschläge pro Mitarbeiter besteht.

Erst ab einer Beteiligungsquote von etwa einem Drittel besteht überhaupt eine realistische Chance, daß im Durchschnitt die magische Grenze von einem Vorschlag pro Mitarbeiter und Jahr erreicht wird. Derartige Beteiligungsquoten werden von knapp 20 % der an der dib-Statistik beteiligten Unternehmen erreicht.

Anliegen der Unternehmen muß es also sein, möglichst viele Mitarbeiter für eine Beteiligung am Ideenmanagement zu mobilisieren, denn: Mehr Mitarbeiter haben mehr Ideen. Und da mehr Ideen mehr Geld bringen, verzeichnen Unternehmen mit einer hohen Beteiligungsquote in der Regel auch höhere Einsparungen pro Mitarbeiter (Bild 4).


Ideen bringen Geld – bringt Geld Ideen? – bringt mehr Geld mehr Ideen?

Diese Frage ist natürlich schon von verschiedenen Seiten negativ beantwortet worden. Bild 5 und Bild 6 zeigen noch einmal, daß es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, durch höhere Prämiensätze mehr Vorschläge oder insgesamt höhere Einsparungen zu erzielen. Der Erfolg des Vorschlagswesens hängt von vielen Größen ab, von der Prämienhöhe mit Sicherheit aber am wenigsten.

Ganz im Gegenteil: Die Vorschlagszahlen sind bei Unternehmen mit hohen Prämiensätzen tendenziell eher geringer. Vermutlich muß man dies sogar anders formulieren: Bei niedrigen Vorschlagszahlen sind die Prämiensätze höher. Denn anstatt an den tatsächlichen Ursachen der niedrigen Mitarbeiterbeteiligung anzusetzen, wird versucht, mit Geld Beteiligung und Ideen einzukaufen. Hohe Prämiensätze also als Folge niedriger Vorschlagszahlen.

Die Prämienhöhe als solche ist also kein Erfolgsfaktor. Vielmehr dürften die Transparenz der jeweils bestehenden Prämienregelung, die Umsetzungszeiten (tatsächliche und von den Mitarbeitern subjektiv wahrgenommene) sowie die Führungs- und Unternehmenskultur maßgebliche Wirkfaktoren auf Beteiligungsquoten und Vorschlagszahlen haben.


Großes Unternehmen – große Ideenzahl?

Ein letzter Zusammenhang, der anhand der dib-Statistik durchleuchtet werden soll, ist der zwischen Mitarbeiteranzahl und Vorschlagszahlen bzw. Einsparungen.

In Bild 7 ist erkennbar, daß die mittlere Anzahl von Vorschlägen pro Mitarbeiter nahezu unabhängig von der Unternehmensgröße ist. Die leicht negative Neigung der linearen Trendlinie weist allerdings auf eine leichte Abnahme der Vorschlagsaktivität in Großunternehmen im Vergleich zu kleineren Unternehmen hin. Dieser Trend bestätigt sich, wenn die Vorschlagszahlen von verschiedenen Größenintervallen verglichen werden, wie in Bild 8. Allerdings sollte beachtet werden, daß nur für die Größenintervalle von 200 bis 10.000 Mitarbeitern aussagefähige Daten vorliegen, da sich in den anderen Größenintervallen zuwenig Unternehmen an der dib-Statistik beteiligten (Bild 11).

Hinsichtlich der in Bild 9 dargestellten Einsparungen pro Mitarbeiter ist der Trend weniger deutlich, hier verläuft die lineare Trendlinie nahezu konstant. Wiederum wird dies bestätigt, wenn die mittleren Einsparungen bezogen auf unterschiedliche Größenintervalle verglichen werden, wie in Bild 10. Möglicherweise ist die gleiche Höhe der Einsparungen trotz niedrigerer Vorschlagszahlen auf die in größeren Unternehmen größeren Fertigungsserien und damit höheren Einspareffekten zurückzuführen.

Von der Statistik zum „Benchmarking face to face“

So interessant die oben vorgestellten Statistiken sein mögen – wirklich sinnvoll werden sie erst, wenn daraus Konsequenzen für das eigene unternehmerische Handeln abzuleiten sind. Nach unseren Erfahrungen tragen betriebsübergreifende Kooperationen wesentlich dazu bei, aus Unternehmensvergleichen gewonnene Erkenntnisse direkt in konkrete Handlungsanleitungen umzusetzen. Benchmarking wird dadurch mehr als ein weitgehend abstraktes Managementinstrument. "Benchmarking face-to-face" bewirkt in der persönlichen Begegnung der Kooperationspartner einen permanenten Ansporn, schafft Verbindlichkeit und bietet praxisnahe Orientierung. Kennzahlenvergleiche lassen sich innerhalb großer Unternehmen z.B. abteilungsweise oder zwischen verschiedenen Konzerngesellschaften „personalisieren“, für kleinere Unternehmen bietet sich eine betriebsübergreifende Zusammenarbeit im Ideenmanagement an.

Dr. Hartmut Neckel
SCIENTIFIC CONSULTING Dr. Schulte-Hillen GmbH
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