unternehmermagazin im April 2003

 

Fortschritt im Verbund:
Brockhaus Soehne, Plettenberg

KOOPERATION IM WETTBEWERB

Räder immer wieder neu erfinden

Das Problem ist so alt wie die Einsicht, es allein nicht lösen zu können: Manche Ideen findet man nur im Dialog. Manche Aufgaben lassen sich nur mit vereinten Kräften bewältigen. In der Automobilbranche gehen mehrere Mittelständische Zulieferer seit geraumer Zeit zu solchem Zweck zusammen.

Was haben betriebsübergreifende Kooperationen und Innovation miteinander zu tun? Bei der Attendorner Kirchhoff-Gruppe, die sich bereits in vierter Generation in Familienbesitz befindet, sehr viel.

Die Unternehmen der Kirchhoff-Gruppe nutzen seit Jahren die positiven Synergieeffekte von Verbundprojekten, um das Ideen- und Kreativitätspotential von Mitarbeitern für zukunftsweisende Problemlösungen und Produktivitätssteigerungen sowie für Kosteneinsparungen zu erschließen.

Der Automobilzulieferer Kirchhoff-Kutsch schloss sich schon 1995 einem vom „Verbund Innovativer Automobilzulieferer“ (VIA) NRW geförderten Projekt zur „Einführung von KVP in mittelständischen Unternehmen“ an. Ausgangspunkt war ein IHK-Stammtisch zum Thema „Wege aus der Krise der Automobilzuliefererindustrie“, an dem ca. 70 Unternehmen des IHK-Bezirks teilnahmen. Elf Unternehmen wirkten daraufhin am Verbundprojekt mit. Die Kooperation verlief so erfolgreich, dass die Verbundunternehmen beschlossen, ihre Zusammenarbeit noch weiter auszudehnen.

   Dr. Hartmut Neckel

Als gemeinsames Problem erkannten die Projektpartner beispielsweise den Bedarf an bestimmten Oberflächenbehandlungen. Bei keinem hätte sich jedoch der Aufbau eigener Anlagen gelohnt. Was lag also näher, als zu diesem Zweck ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen? So entstand 1996 die VIA Oberflächentechnik GmbH in Lennestadt-Elspe. Aus dem einstigen Pilotbetrieb sind heute sieben Gemeinschaftsunternehmen geworden.

Nach der erfolgreichen Einführung des „Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)“ erkannte die Unternehmensleitung, dass weitere Rationalisierungspotentiale am besten durch Aktivierung des Betrieblichen Vorschlagswesens mobilisierbar sind. Geschäftsführer Andreas Haase erinnert sich: „Mit KVP hatten wir strukturierte Gruppenaktivitäten. Aber das Vorschlagswesen, als System zu Erfassung spontaner Ideen einzelner Mitarbeiter, führte ein Schattendasein. Es kamen nur wenige Vorschläge, und wenn welche kamen, dann verschwanden sie oft in irgendwelchen Schubladen.“

Zusammen mit dem Kaltwalzwerk Brockhaus in Plettenberg und der Firma difa Diemer & Fastenrath in Lüdenscheid begann Kirchhoff-Kutsch Ende 1998 mit dem Aufbau eines betriebsübergreifenden Vorschlagswesens. Auch die Partner hatten auf dem Papier alle ein eigenes Vorschlagswesen, das jedoch immer wieder eingeschlafen bzw. nicht aus den Startlöchern gekommen war. Der schwierigste Schritt bestand darin, die Mitarbeiter zu überzeugen, dass sich diesmal tatsächlich und auch nachhaltig etwas ändern würde.

Bereits nach einem Jahr war erkennbar, dass das Erfolgsrezept „Zusammenarbeit im Ideenmanagement“ erneut aufgehen würde. Am Ende des zweijährigen Projektes war die Zahl der Vorschläge bei Kirchhoff-Kutsch von um die 70 pro Jahr auf über 500 im Jahr 2000 gestiegen. Die eigentliche Leistung bestand jedoch darin, dieses Niveau in den Folgejahren zu halten.

Der dauerhafte Erfolg beruhte darauf, dass KVP und Vorschlagswesen in die Unternehmenskultur integriert wurden, nachdem der Ansatz zur Chefsache erklärt worden war und die Zusammenarbeit im Verbund konsequent fortgesetzt wurde.

Bei alledem ist eine hohe Zahl von Vorschlägen kein Selbstzweck. Wichtig ist der Nutzen für das Unternehmen durch Einsparungen und Produktivitätsverbesserungen. Trotz intensiver Information und Schulung von Mitarbeitern und Führungskräften hatte sich der Aufwand bereits nach dem ersten Jahr rentiert. Die mittlere Einsparung der letzten Jahre beträgt über 225.000 Euro – pro Jahr!

Auch bei den Verbundpartnern wurden die gesetzten Ziele erreicht, zum Teil sogar deutlich übertroffen. Im Kaltwalzwerk Brockhaus stieg die Anzahl der Vorschläge regelmäßig auf über 700 pro Jahr, das Unternehmen profitierte seit Einstieg in das Verbundprojekt mit über einer halben Mio. EUR pro Jahr.

Kirchhoff-Kutsch - Presse (1.600 to.)

Dr. Frank Springorum, Geschäftsführer des neuerdings zu C.D. Wälzholz gehörenden Unternehmens, weist darauf hin, dass Einsparungen nicht der einzige Nutzen des Vorschlagswesens sind: „Mindestens ebenso wichtig ist uns der ‚Nebeneffekt‘, dass sich Kommunikation und Mitarbeiteridentifikation sehr verbessert haben.“

Ulrich Möller, Chef bei difa Diemer & Fastenrath, hebt den Nutzen des Verbunds „für das Umdenken in den Köpfen“ hervor.

Diese Erfolge steckten an: Anfang 2001 schlossen sich dem Dreierverbund fünf weitere Unternehmen an. Im Sinne eines guten mit- und voneinander Lernens griffen die Brockhaus Soehne GmbH (Plettenberg), die GAH Alberts GmbH & Co. KG (Herscheid), die Friedr. Lohmann GmbH (Witten), die HMT GmbH & Co. KG (Attendorn) und die Lenzkämper GmbH & Co. KG (Lüdenscheid) die erprobten Konzepte auf. Anfang 2003 begann abermals eine Gruppe von Unternehmen nach bewährtem Vorbild mit enger Zusammenarbeit im Ideenmanagement.

Die Vorteile des kooperativen Ansatzes sehen so aus:
- Der Erfahrungsaustausch bietet Vergleichs- und Orientierungsmöglichkeiten, und wirkt als Ansporn. Das Rad muß nicht von jedem neu erfunden werden.
- Betriebsübergreifende Trainings sind wesentlich effizienter – pro Unternehmen „fehlen“ in einer Schicht weniger Mitarbeiter, trotzdem kommt eine lohnende Teilnehmerzahl für eine Schulung zustande.
- Durch den „Blick über den Tellerrand“ ergänzen sich die verschiedenen Sichtweisen und befruchten sich wechselseitig.

Von dem soliden Erfahrungshintergrund können auch andere Unternehmen profitieren. Die Erfolgsrezepte stehen zur Verfügung. Betriebe, die wie geschildert zusammenarbeiten wollen, haben die Gewähr, dass der kooperative Ansatz funktioniert.

Arndt G. Kirchhoff

In einer aktuellen Befragung der IHK Arnsberg, Hagen und Siegen bekundeten immerhin über 80% der antwortenden Unternehmer Interesse an einer überbetrieblichen Zusammenarbeit. An festen Kooperationen war insbesondere den Betrieben gelegen, die bereits über ein Vorschlagswesen verfügen.

Für Arndt G. Kirchhoff, Geschäftsführer der Kirchhoff-Gruppe und Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung im VdA, sind solche Kooperationen Teil der Unternehmensstrategie. „Für uns ist die Zusammenarbeit mit kompetenten Partnern ein wichtiges Instrument, um auf den zunehmenden Wettbewerbsdruck zu antworten“.

Für Kirchhoff-Kutsch hat sich diese Strategie gelohnt: Das Unternehmen ist seit 1997 von 400 Mitarbeitern auf über 600 Mitarbeiter gewachsen. Dabei versteht sich von selbst, dass diese Verbund-Prinzipien nicht nur mit externen Partnern, sondern auch in der Kirchhoff-Gruppe angewandt werden. Demnächst wird ein betriebsübergreifendes Dach für das Vorschlagswesen bei Kirchhoff-Kutsch in Attendorn und Kirchhoff-Witte in Iserlohn gebildet.
 

Kirchhoff-Kutsch GmbH, Attendorn

Branche: Automobilzulieferer
Produkte: Airbaghalter, Armaturenbretthalter, Frontquerträger, Längs- und Querträger, Lenksäulenhalter, Momentenarme, Montageplatten, Pedale und Pedalgruppen, Prototypenteile, Scharniere, Sitzunterkonstruktionen, Stoßfängerhalter, Tankhaltebänder, Werkzeuge, Zylinderkopfabdeckungen
Mitarbeiter 2002: 600
Jahresumsatz 2002: 76 Mio. EUR
Auslandsniederlassungen: Portugal, Spanien, Irland, Polen, Mexico, Brasilien
Internet: www.kirchhoff-gruppe.de
 

"Innovative Automobilzulieferer"
 

1996: VIA Oberflächentechnik GmbH, Lennestadt-Elspe
1997:   VIA Consult, Olpe
1998:   VIA Lasertec GmbH & Co. KG, Kirchhundem-Würdinghausen
1998:   VIA Laser- und Systemtechnik GmbH & Co. KG, Suhl
2000:   VIA Formtec GmbH & Co. KG, Kirchhundem-Würdinghausen
2001:   VIA Oberflächentechnik GmbH & Co. KG, Olpe
2002:   VIA Plastec GmbH & Co. KG, Attendorn