Wirtschaftsreport im Dezember 2000

INNOVATIONSMANAGEMENT

Manch gute Idee schlummert vor sich hin
 

Drei aufgeweckte südwestfälische Unternehmen werfen seit zwei Jahren ihre Ideen in einen Topf. Das Ziel: gute Ideen mehrfach zu nutzen. Der Weg: Durch einen gezielten Erfahrungsaustausch und den gemeinsamen Pool, der online genutzt werden kann, sollen Synergieeffekte erschlossen werden. Wie das funktioniert, berichteten die drei Teilnehmer der NRW-Verbundinitiative Automobil (VIA) kürzlich in einer Informationsveranstaltung.

   „Ideen gestalten die Zukunft" - das Motto der Informationsveranstaltungen in der Industrie- und Handelskammer Siegen hätten jüngst alle 35 Zuhörer locker unterschreiben können. Dass zudem mittelständische Unternehmen meist ohne ein effektives Vorschlagswesen zu wenig Ideen produzieren, auch darin waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung unter Schirmherrschaft des NRW-Ministeriums für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie, einig. Dass so aber Kapital im Wortsinne verschwendet wird, zeigte der Erfahrungsbericht dreier südwestfälischer Automobilzulieferer und die anschließende Diskussion im Bernhard-Weiss-Saal der Kammer, an der auch der Innovationsmanager der Adam Opel AG, Thomas Wolhfahrt, teilnahm.


Ulrich Möller

   Ulrich Möller, Geschäftsführer von difa Diemer & Fastenrath in Lüdenscheid, Andreas Haase, Chef der Attendorner Kirchhoff Kutsch GmbH, und Dr. Frank Springorum als Lenker des Plettenberger Zulieferer-Zulieferers Kaltwalzwerk Brockhaus haben sich vor zwei Jahren in Sachen Inspirationsmanagement zusammengetan. Sie sind alle Teilnehmer der NRW-Landesinitiative VIA (Verbundinitiative Automobil NRW), die den branchenübergreifenden Dialog in den unterschiedlichsten Bereichen fördert. Das gemeinsame Projekt wird von der Kölner Beratungsgeselleschaft Scientific Consulting moderiert. Das Ziel: Mit ihm sollen sich gute Ideen mehrfach nutzen lassen. Der Weg: Durch einen gezielten Erfahrungsaustausch und einen gemeinsamen Ideenpool, der online genutzt werden kann, werden Synergieeffekte genutzt.

   Das Thema hat einen ernsten Hintergrund: Nach Einschätzung der IHK Siegen bleibt in mittelständischen Unternehmen ein erhebliches Innovationspotenzial ungenutzt; gute Ideen gehen allzu häufig in der Tagesarbeit unter. Dazu Geschäftsführer Rudolf König gen. Kersting: „Wir müssen alles unternehmen, um in der gegenwärtig guten konjunkturellen Lage den Verbesserungsprozess zu beschleunigen, um für den Abschwung gerüstet zu sein!"

   Gerüstet seien die drei Zulieferer bestens, nicht zuletzt dank des Ideenpools, lobte Dr. Hartmut Neckel von der Scientific Consulting. Der Kostendruck in der NRW-Automobilbranche mit derzeit 200 000 Mitarbeitern in 800 Unternehmen wachse seit 1993 stetig. In den mittelständischen Betrieben seien Rationalisierungspotenziale ausgeschöpft. Jetzt gehe es darum, Produktivität durch Kreativität zu erhöhen, so Neckel. Da aber nur sieben Prozent der Unternehmen mit weniger als 100 Beschäftigten ein effektives Vorschlagswesen nutzen, aber immerhin 80 Prozent der großen Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern vom Management mit dem Geistesblitz profitieren, „mussten wir mit dem Verbund der drei Unternehmen die kritische Größe schaffen", erklärte der Kölner Unternehmensberater. Mit der Projektgröße kam der rechnerische Erfolg: Das Einrichten der Prozesse, der Dialog auf allen Hierachiestufen, das Training der Mitarbeiter in Sachen Vorschlagswesen führte zu Einsparungen pro Mitarbeiter in Höhe von durchschnittlich 1500 Mark im Jahr. Diemer & Fastenrath erhöhte die Beteiligungsquote an der betrieblichen Ideenfindung deutlich, so Ulrich Möller. Der Geschäftsführer freute sich offensichtlich über das wachsende Engagement, auch wenn „die Idee an sich nicht das Problem ist, sondern die anschließende Umsetzung, und vor allem die Änderung in den Köpfen".

   Das Unternehmen Kirchhoff Kutsch, das die Koordination der Einfälle zum Führungsinstrument erhob und eigens einen Mitarbeiter dafür freistellte, vermehrte die Zahl der Vorschläge von 67 in 1998 auf 420 im laufenden Jahr. 400 000 Mark konnte der Betrieb bisher einsparen, berichtete Andreas Haase. Der bisherige Erfolg ist Lohn für enorme Kommunikationsanstrengungen: Allein 350 Mitarbeiter des 1900 Beschäftigte zählenden Unternehmens mit dem Schwerpunkt Automotive wurden intensiv trainiert und informiert. Auch beim Kaltwalzwerk Brockhaus schlug die Summe der Inspirationen mit 1,1 Millionen Mark Einsparungen zu Buche, erzählte Dr. Springorum. Die Plettenberger Unternehmensgruppe mit 900 Mitarbeitern legte vor allem Wert darauf, die Reaktionszeit auf Ideen zu verkürzen und die Einfälle damit schneller umzusetzen. Springorum: „Heute liegt der Umsetzungsgrad in der Summe bei erfreulichen 70 Prozent!"


Frank Springorum

 

   Fazit der drei Beteiligten: Der Nutzen für die Verbundunternehmen ist höher als der Aufwand, und keiner muss mehr allein das Rad neu erfinden! Dass aber dafür gerade in mittelständischen Unternehmen auch die „innere Einstellung" stimmen muss, brachte Andreas Haase auf den Punkt: „Wir müssen den Kopf freimachen vom Konkurrenzgedanken!"