Angefangen
hatte alles mit einem Experiment. Als in der Lopez-Ära die
Automobilzulieferer unter nie gekannten Kostendruck gerieten und
von der Automobilindustrie den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess
(KVP) verordnet bekamen, taten sich 1995 elf Teilnehmer eines IHK-Stammtisches
zu einem Verbundprojekt „Einführung von KVP in mittelständischen
Unternehmen“ zusammen. Das Vorhaben wurde von uns, der SCIENTIFIC
CONSULTING Dr. Schulte-Hillen GmbH in Köln, koordiniert und
im Rahmen der „Verbundinitiative Automobil VIA NRW“
gefördert. Die Kooperation verlief so erfolgreich, dass die
beteiligten Unternehmen sich entschlossen, ihre gemeinsame Arbeit
auszudehnen.
Management statt Zufallsprinzip
Denn der Kontinuierliche Verbesserungsprozess mit seinen geplanten
und strukturierten Gruppenaktivitäten ist nur eine der Säulen
im Ideenmanagement. Gerade in Deutschland gibt es eine lange Tradition,
auch die spontanen Ideen von Einzelpersonen wertzuschätzen
und mit einem Vorschlagswesen für das Unternehmen nutzbar
zu machen. Ein professionelles Ideenmanagement soll sicherstellen,
dass es nicht mehr dem Zufall oder der momentanen Befindlichkeit
von Vorgesetzten überlassen bleibt, ob Mitarbeiterideen wahrgenommen
werden oder in der täglichen Betriebshektik untergehen.
Ideenmanagement ist allerdings kein System, das einmalig implementiert
wird und dann von alleine läuft. Es handelt sich vielmehr
um einen fortwährenden Prozess im Sinne einer im Betriebsalltag
gelebten Unternehmenskultur. Die Praxis zeigt, dass der Aufbau
eines dauerhaft funktionierenden Vorschlagswesens für kleine
und mittlere Unternehmen im Alleingang kaum zu schaffen ist. Auch
bei viel gutem Willen der Geschäftsführung und der Mitarbeiter
kommen viele Unternehmen über erste Ansätze nicht hinaus,
oder Verbesserungsaktivitäten schlafen schnell wieder ein.
Genau in dieser Situation steckten drei Firmen, mit denen wir
1998 ein „betriebsübergreifendes Vorschlagswesen“
erarbeiteten. Bereits nach einem Jahr war erkennbar, dass das
Rezept „Zusammenarbeit im Ideenmanagement“ aufgehen
würde. Am Ende der zweijährigen Projektlaufzeit war
die Zahl der Vorschläge bei allen Verbundpartnern auf über
einen Vorschlag pro Mitarbeiter angestiegen. Die eigentliche Leistung
bestand jedoch darin, dieses Niveau in den Folgejahren zu halten.
Der Erfolg wirkte ansteckend. Anfang 2001 schlossen sich fünf
weitere Unternehmen den drei Pionieren an. Sie steckten sich für
die bis Ende 2002 dauernde Projektlaufzeit ambitionierte Ziele:
mindestens ein Vorschlag pro Mitarbeiter und Einsparungen in Höhe
von 500 Euro pro Mitarbeiter.
Zusätzlichen Gewinn realisieren
Diese Ziele wurden nicht nur erreicht, sondern vielfach noch
übertroffen. Mit der betriebsübergreifenden Zusammenarbeit
im Ideenmanagement kam für alle Partner auch der rechnerische
Erfolg: Das Einrichten der Prozesse, der Dialog auf allen Hierarchieebenen,
das Training der Mitarbeiter in Sachen Vorschlagswesen, all das
führte zu Einsparungen pro Mitarbeiter in Höhe von 500
bis 1.000 Euro im Jahr. Dabei gelang es den Verbundpartnern, den
organisatorischen Aufwand für das Vorschlagswesen auf ein
Minimum zu reduzieren, indem Entscheidungsprozesse dezentralisiert
und jegliche „Extra-Bürokratie“ konsequent vermieden
wurde.
Das war der Lohn für intensive Kommunikationsanstrengungen.
In allen Verbundunternehmen wurden die Beschäftigten gezielt
informiert und trainiert.
Gemeinsam sind wir stark
Seit Beginn dieses Jahres hat nun eine völlig neue Gruppe
aus fünf Unternehmen eine Zusammenarbeit im Ideenmanagement
begonnen. Sie wollen Ideenmanagement nicht nur zur Produktivitätssteigerung
und Kosteneinsparung einsetzen, sondern das System auch für
die Personalentwicklung und als Führungsinstrument nützen.
Woran liegt es nun, dass dieses Konzept solche Erfolge zeitigt?
Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um es
erfolgreich anzuwenden? Antwort: Indem sich mehrere "Kleine"
zusammentun, erreichen sie dasselbe wie die "Großen".
Wie auch bei anderen Phänomenen muss erst eine "kritische
Masse" zusammenkommen, damit eine Wirkung erreicht wird.
Die eigentliche Funktion des Verbunds besteht dabei darin, das
Vorschlagswesen auf mehreren Ebenen zu realisieren, so dass es
sich in den unternehmensinternen und externen Bezügen widerspiegelt.
Ziel ist eine gelebte Managementkultur, mit der die Unternehmen
durch das in Form von Vorschlägen geäußerte Feedback
ihrer Mitarbeiter ständig Auskunft über ihren inneren
Zustand und ihre Verbesserungsmöglichkeiten erhalten. Dieser
Effekt wird dadurch verstärkt, dass auch in den Außenbezügen
Feedback-Schleifen etabliert werden, zum Beispiel im Rahmen von
Treffen zum Erfahrungsaustausch oder betriebsübergreifenden
Trainings. Der Austausch zwischen den Unternehmen sollte wiederum
durch Beratung und Feedback von Seiten eines externen Beraters
ergänzt werden.
Austausch fördert Selbsterkenntnis
Die Auseinandersetzung mit Meinungen, Ratschlägen und Feedback
von Seiten der anderen Verbundpartner und des Beraters unterstützt
die einzelnen Unternehmen dabei, ihre eigene Situation zu reflektieren
und sich selbst „mit anderer Brille“ zu betrachten.
Die Unternehmen lernen so, auch ihre eigenen Vorannahmen über
Zusammenhänge und Wirkmechanismen im Ideenmanagement in Frage
zu stellen. So fokussieren sich viele Unternehmen vor allem auf
die Frage der „richtigen“ Betriebsvereinbarung und
der „richtigen“ Motivation für die Mitarbeiter.
Durch den Austausch im Verbund kann deutlich werden, dass möglicherweise
die falsche Frage gestellt wurde: dass immer weitere „Verbesserungen“
der Motivations- und Anreizsysteme gar nicht weiterhelfen, sondern
dass vielleicht die Frage, wie Entscheidungsroutinen optimiert
und Vorschläge möglichst schnell zur Umsetzung gebracht
werden, viel weiter führt.
Vom Wissen zum Handeln
Des weiteren wirkt der Verbund als Motor, damit das vorhandene
Wissen auch umgesetzt und angewendet wird. Hier liegt für
viele Unternehmen eines der Hauptprobleme. Der Verbund wirkt hier
als Ansporn und gegenseitige Verpflichtung zum Handeln, so dass
zwischendurch auftretende „Durststrecken“ leichter
überwunden werden.
Darüber hinaus bewirkt das Umfeld eines Verbunds eine Reihe
weiterer, zum Teil ganz „handfester“ Vorteile.
• Der Erfahrungsaustausch (zum Beispiel zwischen Geschäftsführern,
Ideenkoordinatoren) bietet Vergleichs- und Orientierungsmöglichkeiten
(Benchmarking). Beim gemeinsamen Lernen muss nicht jedes Unternehmen
das Rad neu erfinden.
• Betriebsübergreifend organisierte Workshops und
Trainings sind wesentlich effizienter: Pro Unternehmen "fehlen"
in einer Schicht weniger Mitarbeiter, trotzdem kommt eine lohnende
Teilnehmerzahl für eine Schulung zusammen. Verschiedene Sichtweisen
ergänzen sich.
• Flyer, Folien und sonstige Unterlagen lassen sich gemeinsam
günstiger entwickeln und Softwareprogramme billiger beschaffen
als im Alleingang.
• Mitarbeiterbefragungen erhalten durch die direkten Vergleichsmöglichkeiten
eine höhere Aussagekraft.
• Der Vergleich mit den anderen Partnern im Rahmen betriebsübergreifender
Schulungen trägt zu einer Erhöhung der Identifikation
der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen bei.
In den oben vorgestellten Verbünden wurden kurze Trainings
zum Vorschlagswesen mit intensiveren Seminaren zu Führungsthemen
wie Gesprächsführung, Team- und Gruppenarbeit, Selbst-
und Zeitmanagement, Persönliche Souveränität, sowie
zu kreativen Problemlösungstechniken für den Betriebsalltag
kombiniert. Denn eine dauerhafte Optimierung des Ideenmanagements
lässt sich nur erreichen, wenn sie im Rahmen eines ganzheitlichen
Ansatzes in die sonstige Personal- und Organisationsentwicklung
integriert ist.
Der Moderation und Koordination der Zusammenarbeit im Verbund
kommt naturgemäß eine besondere Bedeutung zu. So sollten
Verbünde darauf achten,
• dass ihre Teilnehmer keine direkten Konkurrenten sind
• dass die Beteiligten Betriebe in den Betriebsgrößen
nicht zu sehr differieren
• dass die räumlichen Entfernungen zwischen den Unternehmen
nicht mehr als 90 Minuten Fahrzeit verursachen
• dass nach den ersten Kontakten Begegnungen entstehen,
aus denen sich tragfähige Beziehungen entwickeln.
Dieser Zusammenhalt entsteht zum Beispiel in moderierten Kick-Off-Veranstaltungen
und regelmäßigen Erfahrungsaustauschtreffen auf Ebene
der Geschäftsführer und Ideenkoordinatoren. Sie dienen
zudem der Vereinbarung eines gemeinsamen Zielhorizonts und ermöglichen
ein fortlaufendes Benchmarking. Die Teilnahme an diesen zentralen
Steuerungstreffen lässt sich nur dann an Vertreter der Geschäftsführer
delegieren, wenn diese Entscheidungsbefugnis und -kompetenz bei
der Gestaltung aller relevanten Regelungen haben. Schwierigkeiten
sind vorprogrammiert, wenn Lösungen, die im Verbund und im
Prozess der beteiligten Betroffenen erarbeitet wurden, im nachhinein
durch ein "Machtwort" von einem Geschäftsführer,
der sich an diesem Prozess nicht beteiligt hatte, wieder aufgehoben
werden.
Achtung vor fertigen Konzepten
Schließlich sollte vermieden werden, externe Berater hinzuzuziehen,
die als Ideenmanagement-Experten fertige Konzepte vorlegen und
diese nur noch implementieren wollen. Der Grund hierfür liegt
auf der Hand. Es gehört zum "Prinzip des Vorschlagswesens",
dass das erforderliche Wissen bereits in den Unternehmen vorhanden
ist. Das betrifft auch die Frage, wie Willensbildungen und Umsetzungen
von Entscheidungen so realisiert werden, dass sich spontan äußernde
Kreativität von Mitarbeitern systematisch für das Unternehmen
nutzen lässt. Und dies gilt umso mehr, wenn das Wissen mehrerer
Unternehmen im Sinne einer "Joint-Competence" zusammengeführt
werden soll.
Der Berater als Moderator
Die Rolle des Beraters sollte sich darauf beschränken, in
diesem Prozess Orientierung zu geben. Der Externe bewahrt vor
Fallen, Umwegen oder Sackgassen und weist auf "blinde Flecken"
hin. Weitere Aufgaben bestehen auf der personalen Ebene im Training
und Coaching für Führungskräfte, die ihre Einstellungen
zu ihrer Führungsrolle infrage gestellt sehen. Auf der interaktionalen
Ebene gilt es, die Optimierung von Kommunikation und Informationsfluss
zu fördern, hierzu dient zum Beispiel die Moderation von
Workshops, in denen Mitarbeiter angemessene Verhaltensstrategien
entwickeln und erproben. Auf der Unternehmensebene sollten Berater
ihr Augenmerk darauf legen, dass Konzepte für geeignete Strukturen
und Organisationsformen daraufhin überprüft werden,
ob sie den unternehmensspezifischen Bedürfnissen und Möglichkeiten
auch wirklich entsprechen.
Aus Betroffenen Beteiligte machen
Bei all dem ist darauf zu achten, dass die Betroffenen nicht
nur zu Beteiligten, sondern zu Akteuren werden. Denn die erforderlichen
Entwicklungen können nur die Mitarbeiter des Unternehmens
selbst bewirken. Sie sind „die Experten ihrer eigenen Probleme“,
sie verfügen über die erforderlichen Spezialkenntnisse,
um Veränderungen im Betriebsalltag umzusetzen. Von ihrer
Bereitschaft hängt es letztlich ab, ob Veränderungen
tatsächlich greifen.
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